Biwaknacht über dem Walchensee – der 2. Versuch!

Bereits im Spätsommer 2015 hatte ich einen Versuch gestartet, den Sonnenaufgang über dem Walchensee in Oberbayern vom Simetsberg aus zu fotografieren. Damals machte mir das Wetter einen dicken Strich durch die Rechnung. Ich konnte morgens kaum 3 Meter weit sehen, so dicht war der feuchte Nebel. Hinzu kam strömender Regen, welcher mich den ganzen Weg bis nach unten begleitete. Das Beste damals waren die unzähligen Alpensalamander, um welche ich förmlich Slalom laufen musste. Zu meinem Glück gibt es an der kleinen, unbewohnten Jagdhütte, etwa 30 Minuten unter dem Gipfel, ein Vordach und eine Art Holzterrasse mit einer Holzverkleidung bis auf ca. 1 Meter Höhe. Dadurch war ich zumindest in der Nacht sicher vor dem Regen.

Blick vom Gipfel des Simetsberg in Richtung Zugspitze, vor 1 ½ Jahren, die Wolkendecke zog bereits am frühen Abend zu.

Blick vom Gipfel des Simetsberg in Richtung Zugspitze, vor 1 ½ Jahren, die Wolkendecke zog bereits am frühen Abend zu.

Nun, gut 1 ½ Jahre später, starte ich meinen zweiten Versuch. Es geht frühmorgens los, verschiedene Busse und Fernbusse bringen mich von Stuttgart über München und Garmisch-Partenkirchen nach Einsiedl am Walchensee. Um Punkt 15:00 Uhr beginne ich meine Wanderung am dortigen Parkplatz. Das Wetter ist bestens, nur leicht bewölkt und in der Sonne angenehm warm. Der breite Forstweg führt durch einen schönen Bergwald, vorbei an idyllischen Bächen und kleinen Wasserfällen. Die langgezogenen Serpentinen werden steiler und es wird anstrengender. Nach einer guten halben Stunde eröffnen sich die ersten schönen Ausblicke auf den Walchensee und die umliegenden Berge. Diese Gegend begeistert mich seit meiner Kindheit. Nach etwas mehr als einer Stunde, komme ich zur Tyrolerhütte (Diensthütte) auf 1.200 Metern. Ich erinnere mich, dass der Weg sich ab dort verändert. Es geht nun auf einem deutlich schmaleren Waldweg weiter. Gemäßigte Steigungen wechseln sich mit kurzen Flachstücken ab. Dieser Teil ist sehr angenehm zu gehen. Wenig später kommen mir einige Wanderer im Abstieg entgegen. Zuerst zwei, dann ein einzelner, und anschließend noch ein Pärchen. Was alle gemeinsam haben? Sie tragen Schneeschuhe am Rucksack befestigt. Ich nicht. Kurz darauf beginne ich sie zu verstehen. Der lichte Schnee auf dem Weg geht in eine tiefe, geschlossene Schneedecke über. Einige Minuten später, als es durch etwas lichteren Bergwald einen steilen Hang hinauf geht, versinke ich bei jedem Schritt knietief im Schnee. Da es bereits Nachmittag ist und der Tag recht warm und sonnig ist, ist der Schnee schmierig und rutschig. Auf dem steilsten Stück des Hanges muss ich mir für jeden Schritt erst eine Stufe in den Schnee schlagen. So geht es natürlich sehr langsam voran. Rechtes Bein heben, mit der Stiefelspitze zwei oder dreimal kräftig in den Schnee treten und dann den rechten Fuß in den Tritt setzen. Anschließend dasselbe Spiel mit dem linken Fuß. Ich mache mir etwas Sorgen um den morgigen Abstieg auf diesem Weg. Nach meinem Sturz im Februar, bei dem ich im Kühtai gut 60 Meter an einem steilen Hang abgerutscht bin, bevor ich unter größten Anstrengungen zum Liegen kam, bin ich bei der Mischung aus Schnee und Steilheit sehr vorsichtig geworden. Im Februar bin ich mit der Bänderzerrung wohl noch sehr gut weggekommen. Ich verdränge diese Gedanken aber und konzentriere mich auf das Hier und Jetzt. Ich brauche gefühlt eine halbe Ewigkeit um mich dieses steile Stück hinauf zu kämpfen. Dabei weiß ich, dass am Ende dieses Aufstiegs mein Ziel liegt: die kleine Diensthütte. Noch einige Male heißt es Bein heben, mit der Stiefelspitze zwei oder dreimal kräftig in den Schnee treten und den Fuß in den Tritt setzen. Dann habe ich es endlich geschafft! Dachte ich zumindest für einen kurzen Moment. Allerdings nur bis ich feststelle, dass es rund um die Hütte Schneeverwehungen gibt. Es scheint als hätte sich hier der ganze Schnee des Gipfelhanges gesammelt. Ich kämpfe mich die letzten Meter um die Hütte herum zum Durchgang im Holzzaun, welcher kaum aus dem Schnee herausragt. Ich versinke nun deutlich weiter als nur bis zum Knie und muss mich am Zaun festhalten. Doch auch diese Herausforderung ist bald überwunden.

Tiefer Schnee rund um meine "Ferienwohnung". Da dies meine Spuren sind, nehme ich an, dass seit längerem niemand hier war.

Tiefer Schnee rund um meine "Ferienwohnung". Da dies meine Spuren sind, nehme ich an, dass seit längerem niemand hier war.

Endlich bin ich „zu Hause“. Erschöpft aber glücklich stelle ich den Rucksack in die Ecke. Ich beginne auszupacken und organisiere mich ein wenig. Schnell das Footprint, die Isomatte und den Schlafsack ausgebreitet und fertig ist das Schlafzimmer. Kocher, Wasser, Gaskartusche, Löffel und Fertiggericht auf die kleine Ablage (eigentlich das Geländer der Schutzwand) und fertig ist die Küche. Durchgeschwitzte Weste an einen Haken gehängt, die Stirnlampe an einen anderen, schon ist alles griffbereit. Noch schnell die Kameraausrüstung sortieren und fertig ist die Logistik.

Home sweet home... für 1 Nacht.

Home sweet home... für 1 Nacht.

Nun ziehe ich mir die warme Daunenjacke über, denn ich beginne bereits auszukühlen. Sobald die Sonne sich versteckt, wird es hier oben auf gut 1.600 Metern recht schnell frisch. Es ist kurz nach 18:00 Uhr. Ich beginne mit der Zubereitung des Abendessens. Es gibt Sahnenudeln mit Hühnchen und Spinat aus dem Hause Trek’n Eat.

Meine Küche...

Meine Küche...

Dieses ist mein Lieblingsgericht aus dem umfangreichen Sortiment des Herstellers für gefriergetrocknete Trekking- und Expeditionsnahrung. Kinderleichte Zubereitung, einfach köchelndes Wasser direkt in die stabile Tüte gießen, gut umrühren, anschließend noch einige Minuten ziehen lassen. Fertig ist ein warmes und schmackhaftes Gericht, in weniger als 10 Minuten. Ich setze mich auf meine Isomatte, mit dem Rücken an die Holzwand der Hütte gelehnt, und genieße mein Abendessen.

Müde aber zufrieden.

Müde aber zufrieden.

Derweil zaubert die sinkende Sonne eine wunderschöne rötliche Farbe auf die schneebedeckten Gipfel des Wettersteingebirges, welche ich von meinem „Esstisch“ aus sehen kann.

Teile des Wettersteins im Abendlicht, meine Aussicht beim Abendessen.

Teile des Wettersteins im Abendlicht, meine Aussicht beim Abendessen.

Im Anschluss koche ich nochmals etwas Wasser in meinem Optimus Terra Solo und mache mir einen Kaffee. Diesen genieße ich, auf meiner Isomatte sitzend, mit einer guten Zigarre und entspannter Musik. „So muss ein Tag enden!“, denke ich mir. Gegen 21:30 Uhr lege ich mich schlafen. Es ist mittlerweile empfindlich kalt geworden. Das kleine Thermometer an meinem Rucksack zeigt -5°C an. Ich schlüpfe in meinen Daunenschlafsack und schlafe nach wenigen Minuten ein.

Der Wecker klingelt um Punkt 5:15 Uhr. Ein kurzer Blick durch die halbgeöffneten Augen weckt meine Lebensgeister. Der Horizont hinter dem Walchensee ist bereits lila-orange gefärbt. Ich ziehe Mütze und Handschuhe an und schultere den bereits vorbereiteten Rucksack. Noch schnell in die Stiefel geschlüpft und die Grödel angelegt, und es kann losgehen. Wieder geht es durch den tiefen, um diese Uhrzeit noch hartgefrorenen, Schnee um die Hütte herum, zurück auf die festgetretenen und gefrorenen Spuren, welche in Richtung Gipfel führen. So weit zieht es mich aber nicht. Das Motiv, welches ich bereits seit langem geplant hatte, finde ich bereits nach etwa 10 Minuten Aufstieg: die kleine Hütte am Bildrand, darunter der Walchensee, umgeben von den Gipfeln des Isartals und des Karwendel. Ich stelle meinen Rucksack in den Schnee, trete mir eine kleine Fläche auf dem harten Schnee fest, und baue mein Stativ auf. Innerhalb weniger Minuten bin ich bereit für das bevorstehende Naturschauspiel.

Genau dieses Motiv habe ich seit gut 2 Jahren im Kopf. Nun scheint es endlich Realität zu werden.

Genau dieses Motiv habe ich seit gut 2 Jahren im Kopf. Nun scheint es endlich Realität zu werden.

Ich werde nicht enttäuscht! Der Himmel geht von lila und orange zu goldfarbenen Tönen über, während die Sonne langsam hinter den Berggipfeln emporsteigt. Es ist schwer in Worte zu fassen dieses Gefühl, wenn man vor Kälte zitternd in der Dunkelheit steht, und dann auf einmal die ersten Sonnenstrahlen des Tages auf einen fallen.

Der Moment der alles verändert.

Der Moment der alles verändert.

Dieses Gefühl von Wärme setzt Glückshormone frei. Die Kälte und das Unbehagen weichen Wärme und Optimismus. Negative Gedanken, wie die an den rutschigen Abstieg über den steilen Hang, werden von Zuversicht verdrängt. Ich komme aus dem Fotografieren gar nicht mehr raus. Mittlerweile fallen die Sonnenstrahlen zwischen den aufgereihten Bergen hindurch auf den See.

Ein einzigartiges Lichtspiel.

Ein einzigartiges Lichtspiel.

Blick auf das Kaisergebirge (mittig) und den Guffert (rechts).

Blick auf das Kaisergebirge (mittig) und den Guffert (rechts).

Ein unbeschreiblicher Anblick. Als ich diesen auf meiner Speicherkarte verewigt habe, schließe ich meine Augen und genieße einfach nur den Moment und die Sonne in meinem Gesicht. Eine ganze Weile später öffne ich sie wieder und beginne meine Sachen zusammen zu packen, dann gehe zufrieden zurück zur Hütte. Dort angekommen setze ich Wasser auf und mache mir einen Kaffee. Das Frühstück fällt mit zwei Müsliriegeln zwar eher spärlich aus, dennoch denke ich, dass jeder Tag so beginnen müsste. Nach dem Frühstück packe ich Schlafsack, Isomatte und Footprint in meinen Rucksack, blicke noch einmal glückselig um mich, und mache mich dann an den gefürchteten Abstieg, welcher mir jetzt plötzlich gar keine Sorgen mehr macht. Meine Tritte und Stufen von gestern sind während der kalten Nacht festgefroren. Mit den Grödeln unter den Stiefeln, gehe ich den steilen Hang hinunter wie eine Treppe. Es ist als wäre der Sonnenaufgang symbolisch gewesen. Alle Sorgen und Befürchtungen haben sich aufgelöst, genau wie zuvor die Kälte und Dunkelheit.

Ich genieße jeden Schritt auf dem Weg nach unten. Die Sonnenstrahlen fallen durch die Baumkronen und die Vögel singen. Weit und breit keine Menschenseele. Erst kurz vor dem Parkplatz treffe ich auf die ersten Wanderer auf dem Weg nach oben.

So enttäuschend der erste Versuch vor 1 ½ Jahren war, so überwältigend schön war der zweite Versuch!

Die schönsten Aufnahmen dieser Tour sind in meinem Shop erhältlich, von der Postkarte, über einen Fotoabzug bis hin zum edlen Alu-Dibond Wandbild. Schau mal vorbei!

Anmerkung:

Eine Nacht im Freien bei Minusgraden ist mit der richtigen Ausrüstung sehr gut auszuhalten. Hier eine Liste der Ausrüstungsgegenstände, auf welche in seit einiger Zeit bereits vertraue und die ich absolut empfehlen kann.

Isomatte Therm-a-Rest NeoAir Xlite

Kocher Optimus Crux Lite Kochset

Trekking Gerichte von Trek'n Eat (versch. Geschmacksrichtungen)

Daunenjacke Mountain Equipment Dewline Hooded Jacket

Leichtes Stativ Rollei Compact Traveler No. 1 Carbon

Diese und andere Touren in der Gegend sind zu finden im Rother Wanderführer Isarwinkel.