Biwaknacht im Angesicht der Kalkkögel

Seit einiger Zeit gibt es da ein Motiv, welches immer wieder meine Wege kreuzt und mich dabei jedes Mal aufs Neue fasziniert. Es ist die symmetrisch perfekte Spiegelung der mächtigen Kalkkögel in einem kleinen Gewässer in den Stubaier Alpen. Dieses Motiv macht Sinn, denn zum jetzigen Zeitpunkt kommt es gleich für zwei Kalender in Frage: zum einen für meinen Kalender „Stubaier Alpen“ für kommendes Jahr, zum anderen auch für einen meiner beiden Kalender für das Jahr 2019, an welchen ich ab sofort arbeiten werde. Da diese Location auf meiner To-Do-Liste für dieses Jahr zu den niedriger gelegenen gehört, sollte sie auch relativ früh erledigt werden, denn viele der anderen sind erst ab Mitte Juni oder gar noch später möglich. Aus diesen Gründen fiel es mir sehr leicht mich für das Ziel der Bergtour Ende Mai zu entscheiden: eine Biwaknacht im Angesicht der Kalkkögel!

Diese Tour hat auch noch eine ganz besondere Bedeutung für mich. Nachdem ich meinen 7-jährigen Sohn Diego vor die Wahl gestellt hatte, Pfadfinderlager oder Bergübernachtung mit Papa, platzte die Entscheidung für zweitere der beiden Optionen ohne nachzudenken aus ihm heraus. Was mich einerseits mit unglaublichem Stolz erfüllt, weckt andererseits auch einige Bedenken in mir. Wird er den langen Anstieg mit 1.000 Höhenmetern bewältigen? Kann er die Nacht bei um die 0°C gut überstehen? Ist der giftgrüne Kinderschlafsack, den ich für ihn gekauft habe, warm genug? Je mehr ich darüber nachdenke, desto unsicherer bin ich. Mehrmals ertappe ich mich dabei, wie ich versuche ihm das Ganze unbewusst auszureden. „Da musst du aber ganz viel den Berg raufgehen, schaffst du das?“ oder „Es wird da aber sehr kalt und wir schlafen im Freien, hälst du das denn aus?“ sind nur zwei meiner Versuche. Sowohl diese beiden, als auch alle anderen, scheitern kläglich. Ich schätze dafür ist Diego einfach zu abenteuerlustig. Den Waldkindergarten hat er mit Bravour gemeistert und seit einigen Monaten ist er stolzes Mitglied der örtlichen Pfadfinder. Auch im heimischen Garten gibt es kein Tier, welches er nicht schon gesucht und gefunden hätte. Er liebt es einfach draußen in der Natur zu sein. Es gibt wahrlich schlimmere Erkenntnisse für einen Vater.

Es ist Freitag. Brückentag. Der Wecker klingelt um 5:00 Uhr. Erbarmungslos. Noch nie war Diego so rasch auf den Beinen, mit geputzten Zähnen und angezogen. Und das, obwohl es noch viel früher ist als an Schultagen. Die Abenteuerlust setzt ungeahnte Kräfte frei bei meinem kleinen Morgenmuffel. Die Reise ist lang, sehr lang sogar. Mit dem Bus zum Flughafen Stuttgart, genauer zum Fernbus-Bahnhof. Von dort mit dem Fernbus nach München. Nach einem kurzen Frühstück weiter nach Innsbruck. Von dort nehmen wir einen weiteren Bus nach Grinzens, von wo aus unsere Wanderung um kurz nach 15:00 Uhr startet. Wir sind beide froh endlich Auslauf zu bekommen.

Lange Zeit geht es auf breitem Forstweg entlang des Sendersbachs durch das Senderstal.

Lange Zeit geht es auf breitem Forstweg entlang des Sendersbachs durch das Senderstal.

Da wir mit öffentlichen Verkehrsmitteln angereist sind, trifft es uns „auf die harte Tour“. Wir können nicht bis zum Wanderparkplatz der Kemater Alm hochfahren, sondern haben einige Kilometer und 500 Höhenmeter mehr vor uns als die meisten, die mit dem Auto abkürzen. „Die anderen machen das schon richtig“, denke ich mir bald. Die Strecke bis zum Wanderparkplatz zieht sich ganz schön in die Länge. Ein schier endloser Forstweg. Zwar bietet dieser einige sehr schöne Stellen und Fotomotive, aber diese muss ich mir für den Abstieg aufsparen. Zu groß die Sorge, ob wir noch bei Tageslicht oben ankommen. Diego bringt mich mit seinem Genörgel fast aus der Fassung. Dazu kommt, dass er sich von jedem Stein und jeder Schnecke zu einer Pause eingeladen fühlt. Ist natürlich normal bei neugierigen Kindern, aber angesichts dessen was noch vor uns liegt, bringt es mich zur Verzweiflung. Aber irgendwann erreichen wir den Wanderparkplatz und freuen uns über die Halbzeit. Von hier an wird das Gelände etwas alpiner und der langweilige Forstweg geht bald in einen abwechslungsreicheren Steig über.

Übergang von Forstweg zu Bergpfad.

Übergang von Forstweg zu Bergpfad.

Das sieht zum Glück auch Diego so und das Genörgel wird deutlich weniger. Wir kommen nun viel zügiger voran und erreichen dann auch etwas früher als befürchtet das Plateau hoch über Innsbruck, direkt gegenüber der elegant aufgereihten Kalkkögel.

Das Gewässer, in dem die wunderschönen Spiegelungen aufgenommen werden, ist so klein und unscheinbar, dass ich zuerst geradewegs daran vorbeigehe und den „richtigen“ See suche. Kurz darauf stehen wir bereits auf dem Grat, welcher zum Grießkogel weiterführt. Ich überlege angestrengt, wo sich der See denn verstecken könnte, als Diego plötzlich voller Entschlossenheit anmerkt: „Papa, hier gibt es keinen anderen See. Es ist der kleine da unten!“. Ich bin überrascht wie sicher er sich ist, kann es aber immer noch nicht glauben. Dennoch stimme ich ihm zu und wir steigen wieder hinab zur unscheinbaren Pfütze. Auf dem Weg hinunter tritt Diego fast auf einen Bergmolch. Behutsam nimmt er ihn auf und trägt ihn bis zum Tümpel. Ich verweigere bewusst den Begriff „See“, da ich ihn für unangemessen halte.

Im kleinen Tümpel tummeln sich hunderte Bergmolche.

Im kleinen Tümpel tummeln sich hunderte Bergmolche.

Als wir am Ufer stehen, versuche ich die berühmte Spiegelung zu finden, was mir aber erst gelingt als meine Unterlippe fast schon Schlammkontakt hat. Tatsächlich, es ist diese tolle Spiegelung, welche ich bereits so oft auf Fotos bewundert hatte. Ich bereite mein Stativ und meine Kamera vor. Wie immer, wenn ich gezielt unterwegs bin um Motive für meine Kalender aufzunehmen, arbeite ich mit meiner Sony A7, dem Canon 16-35mm und dem Canon 70-200mm. Bei dieser Kombination kommt zwar einiges an Gewicht zusammen, sie liefert mir aber auch die besten Ergebnisse. Die Sonne beginnt zu sinken und ich lege direkt los. Ich mache eine Vielzahl an Aufnahmen. Für einige gelingt es mir sogar Diego von seinen molchigen Freunden loszueisen. Er springt spontan als Model ein.

Diego vor den Kalkkögeln.

Diego vor den Kalkkögeln.

Die letzten Sonnenstrahlen auf den Gipfeln der Kalkkögel.

Die letzten Sonnenstrahlen auf den Gipfeln der Kalkkögel.

Diego wird nun hungrig und er drängelt mich dazu mit dem Fotografieren aufzuhören. Da selbst das schönste Foto nicht so viel Wert ist wie das Wohlbefinden meines Kleinen, mache ich noch schnell die letzten Aufnahmen für heute. Dann geht es an die Logistik. Ich suche einen möglichst ebenen Platz für unser Nachtlager und werde nach einigen Minuten fündig. Zuerst breite ich eine der Isomatten aus, damit Diego es sich gemütlich machen kann. Während er, ganz nach dem Zwiebelprinzip, die eine oder andere Kleidungsschicht nachlegt, mache ich den Rest fertig. Auch ich ziehe nun ein Fleece unter die Jacke, denn ohne Sonne wird es hier oben auf 2.000 Metern schnell frisch. Dann baue ich meinen Kocher auf und beginne Wasser zu kochen, für unsere Fertiggerichte aus dem Hause Trek'nEat. Diego ist natürlich zu erst an der Reihe. Nach wenigen Minuten löffelt er bereits seinen Jägertopf. Im Anschluss ist dann meine Pasta Primavera dran. Wie immer schmeckt es sehr lecker. Die Bedeutung einer warmen Mahlzeit beim Biwakieren ist enorm. Sie hilft dem Körper dabei, besser mit den kühlen Temperaturen klarzukommen. Nach dem Abendessen, es ist mittlerweile kurz vor 22:00 Uhr, krabbeln wir in unsere Schlafsäcke. Satt, zufrieden, etwas erschöpft, und sehr müde.

Diego schläft tief und fest. Er scheint sich wohl zu fühlen in seinem ersten eigenen Schlafsack. Er verschwindet beinahe komplett darin. Ich hingegen wache immer wieder auf. Es ist nicht die Kälte, sondern die leicht schräge Lage der Isomatte, welche einen tieferen Schlaf verhindert. Jedes Mal, wenn ich kurz aufwache und mich wieder in die richtige Position schiebe, bewundere ich für einige Augenblicke den wunderschönen Sternenhimmel. Sogar die Milchstraße ist zu erkennen, allerdings nicht deutlich genug um mich aus meinem warmen Schlafsack zu locken. Einmal wird auch Diego wach und ist fasziniert von diesem Schauspiel am Himmel. Doch die Müdigkeit siegt und schon bald darauf schlafen wir weiter.

Kurz vor 5:00 Uhr morgens wache ich erneut auf. Der Horizont ist bereits rötlich verfärbt. Das bedeutet, dass die Nacht für mich vorüber ist. Ich schlüpfe aus dem kuschligen Schlafsack und hinein in die leicht feuchten Wanderschuhe. Auch die Oberflächen der Isomatte und des Schlafsacks sind feucht. Die Temperatur muss genau um den Kondensationspunkt liegen. Ich packe meine Kamera aus und beginne wieder zu fotografieren. Priorität hat natürlich mein Zielfoto: die Spiegelung der Kalkkögel. Diese erscheint nun in ganz anderen Farben als noch am Abend zuvor. Statt den orangefarbenen Tönen, dominiert nun ein sanftes Blau. Ich warte eine ganze Weile, bis schließlich die ersten Sonnenstrahlen die felsigen Gipfelzacken des Massivs erleuchten.

Die Kalkkögel im sanften Morgenlicht.

Die Kalkkögel im sanften Morgenlicht.

Ich gehe zurück zum Lager. Jetzt ist erstmal der Kaffee an der Reihe. Diego macht noch immer keine Anstalten aufzuwachen. Auch meine sanften Rufe können ihn nicht aus den süßen Bergsteiger-Träumen reißen. Während das Wasser aufkocht, mache ich noch ein paar Aufnahmen für meinen Sponsor und setze den Optimus Crux Lite in Szene. Dann lasse ich mich auf meine Isomatte fallen und genieße den Kaffee mit Blick auf die morgendlichen Kalkkögel.

Nein, das Model bin nicht ich. Das Model ist der Optimus Crux Lite!

Nein, das Model bin nicht ich. Das Model ist der Optimus Crux Lite!

Ohne Kaffee geht morgens gar nichts.

Ohne Kaffee geht morgens gar nichts.

Langsam wird auch Diego wach und richtet sich zufrieden lächelnd in seinem Schlafsack auf. Es ist toll zu sehen, wie sehr ihm dieses kleine Abenteuer gefallen hat. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, wird es sicher nicht seine letzte Biwaknacht gewesen sein.

Ein Blick sagt mehr als tausend Worte...

Ein Blick sagt mehr als tausend Worte...

Ich bin mächtig stolz auf meinen kleinen Mann und freue mich schon auf die nächsten Abenteuer an seiner Seite.

Empfohlene Ausrüstung:

KInderschlafsack

Isomatte

Gaskocher

Fertigmahlzeiten

Wasserfilter